Grenzgänge und Quereinstiege: Kulturpolitik, Kommunikationswege und Karrieren in Europa

Verbinden, nicht trennen

Wie vielfältig die Suche nach neuen europäischen Perspektiven sein kann, machte das Seminar in Straßburg deutlich. Organisiert wurde es am 15. und 16. November vom DAAD, der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) und der Oberrhein Universität Eucor .

Ein europäischer Kulturkommissar? Aus deutscher Sicht würde die Idee, eine solche Position einzurichten, vermutlich eher Kopfschütteln und Ablehnung auslösen. Dass Kultur in die Hoheit der Länder fällt, ist in der föderalen Bundesrepublik per Grundgesetz festgeschrieben und politisch weitgehend unumstritten. Im Rahmen eines vom DAAD, der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) und der Oberrhein Universität Eucor organisierten Seminars in Straßburg wurde die Idee des supranationalen Kulturministers dennoch ins Spiel gebracht – in einem Workshop, der sich mit der Zukunft des Theaters im krisengeschüttelten Europa auseinandersetzte. Vielleicht lag es ja daran, dass sich unter den zehn jungen Teilnehmern aus Deutschland und Frankreich die eher staatsorientierte, französische Sicht durchgesetzt hatte.

Institutionelles Netzwerk erdacht
Theater sei gerade in Zeiten von Unsicherheit und Bedrohung ein Raum, um sich der eigenen Würde zu versichern: So lautete eine zentrale Feststellung des von Jean-Jacques Alcandre, Professor für Germanistik, sowie Claire Audhuy, Doktorandin der Theaterwissenschaften, beide von der Universität Straßburg, moderierten Workshops. Verwiesen wurde auf die Bedeutung von Theaterspiel etwa im "Arabischen Frühling" oder in Jugoslawien zu Zeiten des Bürgerkriegs. Es gelte also, die Vielfalt des Theaters zu erhalten – weshalb besagter Kulturkommissar auch keinesfalls "Kontrolle" ausüben, sondern lediglich Finanzmittel besser verteilen solle. Erdacht wurde außerdem ein institutionelles Netzwerk, das Theater-Produktionen auf Europatourneen schickt – mit dem Hilfsmittel der Übertitelung als Lösung der sich dabei zwangsläufig aufbauenden Sprachbarrieren. Das Verfahren ist zwar nicht neu, bedürfe aber einer Qualitätsoffensive. Die "Sur-Titrage" gehöre in die Hände von geschulten Übersetzern, die mit dem jeweiligen Ensemble zusammenarbeiten.

Das künftige Europa vorgelebt
"Grenzgänge und Quereinstiege: Kulturpolitik, Kommunikationswege und Karrieren in Europa" lautete der Titel des zweitägigen Straßburger Seminars. 30 fortgeschrittene Studierende, Doktoranden und Absolventen mit deutsch-französischem Hintergrund nahmen teil. Mit ihren Bildungsbiografien – zuhause in zwei Ländern, versiert in zwei Sprachen, unterwegs in zwei Kulturen – leben sie das künftige Europa vor. "Die Idee, aktuelle und ehemalige Geförderte aller drei Institutionen rund um das Thema Europa miteinander in Austausch zu bringen, erschien mir sehr reizvoll und zugleich auch ein kleiner Schritt gegen das in der deutsch-französischen Szene so häufig beklagte 'cloisonnement', die Abschottung", erläuterte Christiane Schmeken, Direktorin der Pariser DAAD-Außenstelle, die Zielrichtung der Veranstaltung.
Aus Sicht von Delia Küsgen ist dieses Konzept aufgegangen. Sie habe jede Menge Anregungen erhalten, bekannte die 22-Jährige, die in Paderborn und Le Mans den Studiengang "Europäische Studien" absolviert: "Ich finde es toll, dass die verschiedenen Berufsfelder einmal zum Thema gemacht werden." Daneben profitierte sie vom Austausch mit den übrigen Seminarteilnehmern: "Alle haben einen deutsch-französischen Background, aber jeder hat etwas anderes gemacht: Das ist doch ein bisschen wie Europa."

"Erst die Inhalte"
Zwei weitere Workshops des Seminars widmeten sich den Themen "Übersetzung" und "Journalismus". Auch hier hatte man Experten und erfahrene Praktiker eingeladen wie etwa Jürgen Ritte, Übersetzer, Essayist und Professor für Germanistik an der Pariser Université Sorbonne Nouvelle, oder Luc Caregari, Kulturredakteur bei der in Luxemburg erscheinenden, zweisprachigen Wochenzeitung "Woxx".
Als Einführung in das Seminar diente ein tiefschürfender Vortrag von Gilles Rouet, Professor an der Université Paris Descartes. Er zeigte das Wechselverhältnis von Identität und Pluralität auf, von dem Europa seit Jahrhunderten geprägt wird. Statements von Dr. Jochen Hellmann, Generalsekretär der DFH, und Jan Rhein, DAAD-Lektor und Leiter der Kulturabteilung des Centre Culturel Franco-Allemand (CCFA) in Nantes, schlossen sich an. Während Hellmann die Stärken und Schwächen der deutsch-französischen Hochschulzusammenarbeit aufzeigte, richtete Rhein den Fokus auf das Alltagsgeschäft einer deutsch-französischen Kulturinstitution. Da wäre weniger manchmal mehr. Die Vielfalt der Netzwerke und Kooperationen verführten nämlich gelegentlich zum Mitmachen um jeden Preis: "Das frisst dann unnötig Zeit und Geld." Rheins Rat: "Erst die Inhalte", dann die Fördermöglichkeiten

Prototypen einer zukünftigen Kulturlandschaft
Den Abschluss des Seminars bildete eine öffentliche Veranstaltung im Rahmen der Hochschulmesse "Deutsch-Französisches Forum". Auf dem Podium in der Salle Dresde im Palais des Congrès saßen Dr. Eva Sabine Kuntz, Leiterin der Europakommunikation im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und künftige Leiterin der Intendanz des Deutschlandradio, Professor Patrice Neau, Präsident des Deutsch-Französischen Forums und Vizepräsident der DFH, sowie Bernard Fleury, Leiter des Maillon-Theaters in Straßburg. Moderiert wurde das Gespräch von Pierre-Olivier François, der Dokumentarfilme unter anderem für den deutsch-französischen Sender "ARTE" dreht. Die Runde antwortete auf die Frage, in welche Richtung sich die Kultur in Europa bewegt, und bezog dabei die thesenartig zusammengefassten Ergebnisse der drei Workshops mit ein. Als Prototypen für eine zukünftige Kulturlandschaft wurden genannt: "Radio Nantes", bei dem Studierende aus dem Ausland das europäische Programm gestalten, und der "Courrier international", der internationale Presseartikel auszugsweise ins Französische übersetzt. Für mehr Europa in den Medien plädierte Eva Sabine Kuntz: "Man muss den Leuten in Europa zeigen, dass sie viel mehr verbindet als sie trennt."

Mathias Noltze, www.daad-magazin.de

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