Multilokalität und Grenzen. Heutige räumliche Praxis, Ungleichheit und Identität anders denken

Immer mehr Menschen führen heute ein multilokales Leben. Sie arbeiten an einem ersten Ort, wohnen an einem zweiten oder haben dort ihre Familie und verbringen ihre Freizeit wieder andernorts. Die neuen Kommunikations- und Mobilitätstechnologien erlauben es, immer mehr und immer entferntere Lebensorte miteinander zu verbinden. Dennoch kann man physisch nur jeweils an einem Ort sein und im alltäglichen Leben spielen weiterhin konkrete Lokalisierungs- und Territorialisierungsprozesse eine wichtige Rolle. Dabei gehören das Überqueren von geografischen Grenzen und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen soziokultureller Abgrenzungen zum multilokalen Alltag.

In diesem Seminar sollen theoretische Ansätze zur Beschreibung des Phänomens der Multilokalität erarbeitet und diskutiert werden. Ausgangspunkt dafür ist die Feststellung, dass sich mit den verfügbaren sozialwissenschaftlichen Begriffen, Modellen und Theorien die soziale Praxis multilokaler Lebensentwürfe und –situationen nur ungenügend beschreiben lassen. Es stellt sich von daher die Frage, wie multilokales Leben soziologisch adäquat beschrieben werden kann. Diese Lage lädt nicht nur zur eigenen Theoriebildung ein, sie bietet außerdem die Möglichkeit, gängige soziologische Kategorien und Selbstverständnisse zu hinterfragen. So wird beispielsweise die Zuordnung einer sozialen Gruppe oder eines Kollektivs zu einem homogenen Raum der Pluralisierung und Überlagerung unterschiedlicher Lebensorte nicht gerecht. Demgegenüber soll beispielsweise das Konzept der ‚Archipelisierung‘ des Lebens (Duchêne-Lacroix) erprobt werden. Nicht zuletzt werden in multilokalen Lebenssituationen und den soziologischen Beschreibungen von Multilokalität Grenzziehungen und der Umgang mit Grenzen unterschiedlichster Art thematisch. Deswegen wird ein thematischer Schwerpunkt des Seminars auch auf Fragen nach Grenzen und Grenzziehungen liegen.

Rückblick

Mehr noch als durch Mobilität ist unsere Gesellschaft durch Praktiken der Multilokalität charakterisiert. Diese Multilokalität betrifft heute direkt oder zumindest indirekt alle Menschen. Unter den verschiedenen Formen von Multilokalität ist dabei das multilokale Wohnen die derzeit wichtigste Ausprägung räumlicher Alltagspraktiken. Die geografische Verteilung der für die Einzelnen und auch die jeweiligen Haushalte relevanten Orte hat entscheidende Auswirkungen auf gesamtgesellschaftliche Dynamiken, was innerfamiliäre Entwicklungen, aber auch den Gebrauch der Infrastruktur, die Wohnsituation als Ganze und lokale Integrationsprozesse betrifft.

Obwohl die Konsequenzen multilokaler Dynamiken in vielen Bereichen des Alltagslebens längst spürbar sind und oftmals eine wichtige Rolle spielen, gibt es noch relativ wenige wissenschaftliche Untersuchungen und noch weniger Lehrveranstaltungen dazu. Für Tobias Schlechtriemen und mich, beide Dozenten in der Soziologie und Mitglieder des Hochschullabors der IBA, ist die Relevanz der mit multilokalen Prozessen verbundenen Fragestellungen in der grenzüberschreitenden Region deutlich gewesen. Die die Auseinandersetzung mit Grenzen unterschiedlichster Art (politisch, kulturell, physisch, technisch etc.) bildet auch den Kern multilokaler Praktiken.

Um das Interesse unserer Studierenden für die Komplexität des Themas zu wecken, haben wir einige grundlegende ‚klassische‘ und neuere eher explorative Texte ausgewählt und sie mit empirischen Fallbeispielen konfrontiert. Dieses Vorgehen, die theoretischen Ansätze an konkreten Situationen aus der Alltagswirklichkeit zu erproben, hat uns nicht zu letzt in der Entscheidung bestärkt, das Seminar an mehreren Orten stattfinden zu lassen und auch auf diese Weise Multilokalität erfahrbar zu machen.

Die sieben vierstundigen Sitzungen fanden an den beiden Universitäten Freiburg und Basel statt, die das Seminar auch gleichermaßen im Rahmen des EUCOR-Programms veranstalteten. So trafen wir uns – die Studierenden und die Lehrenden – einmal an der einen und zur nächsten Sitzung an der anderen Universität. Die bilokale Verortung ermöglichte es, multilokale Dynamiken von organisatorischen ‚Übersetzungsschwierigkeiten‘, über gelingende Zusammenarbeit, aber auch die Erfahrung von physischen und kulturellen Distanzen, bis hin zur Nutzung grenzüberschreitender Infrastruktur zu erleben.

Für die letzte Sitzung haben wir uns an einen besonders interessanten Veranstaltungsort begeben: den Euroairport Basel Muhlouse Freiburg. Denn am Flughafen spielen sich einerseits multilokale Prozesse ab, in denen große Distanzen zurückgelegt werden, andererseits verlaufen hier die Landesgrenzen innerhalb desselben Gebäudekomplexes. Der Flughafen ist in einen französischen und einen schweizer Sektor geteilt, wobei die Abflugzone noch einmal nach „Schengen/Nicht-Schengen“ unterteilt ist und dazu weitere Abgrenzungen, wie „Passagiere/Personal“ etc. kommen.

Dieses was Inhalt und Form betrifft, innovativ konzipierte Blockseminar haben rund 20 Studierende besucht und durch ihre Motivation und ihr beeindruckendes Engagement mit gestaltet. Die Teilnehmenden studierenden meistens Soziologie und entweder Geografie, Romanistik oder Ethnologien. Sie hatten meistens schon 5 bis 7 Semester studiert. Einige waren Anfänger und ein Viertel in Masterstudium. Die Gruppe zählte 8 Studenten für 12 Studentinnen, welches Verhältnis der Normalität im Fach entspricht.

Viele Studierende haben dieses Seminar besucht, weil es Teil ihres Lebenslaufs, ihrer aktuellen Situation oder/und ihres Erkenntnisbedürfnis bezüglich der mobilen und zugleich individuell territorialisierten heutigen Gesellschaft entspricht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Fahrten zu den Seminarsitzungen zum Anlass genommen, auch die jeweils andere Stadt und Universität kennenzulernen. Eine Gruppe aus Freiburg hat den Weg zu einer der Sitzungen in Basel mit dem Fahrrade zurückgelegt – eine grenzüberschreitende Erfahrung in mehrerlei Hinsichten.

Die Rückmeldungen der Studierenden waren sehr positiv. Sie haben den gut durchdachten und klar strukturierten Aufbau der Sitzungen geschätzt, die rege Beteiligung aller TeilnehmerInnen an den gemeinsamen Diskussionen, die Zusammenarbeit und Komplementarität der beiden Dozenten, wie auch deren kritischen Zugang zu und Umgang mit den Grundlagentexten des Seminars. Ein Feedback: « Die Dozenten haben ein wunderbares Programm mit vielen Überraschungen und Highlights auf die Beine gestellt, welches ich in 9 Semestern selten erlebt habe. Sie waren stets freundlich, hilfsbereit und kompetent. Organisatorisch hat alles bestens geklappt. Hut ab! ». Einige haben nach einer möglichen Fortsetzung eines solchen Seminars über Multilokalität gefragt – aber in jedem Fall auch wieder multilokal organisiert.

Rückblick: "Multilokalität und Grenzen"

Cédric Duchêne Lacroix (Universität Basel) und Tobias Schlechtriemen (Universität Basel)

Wo?

Frankreich