"Wir sind in erster Linie Europäer und dann Franzosen … oder fast"

Jeanne Tarabella © Eucor - Bureau de Coordination
Jeanne Tarabella © Eucor - Bureau de Coordination

Jeanne Tarabella, 27 Jahre alt, in Paris geboren und seit drei Jahren mit Leib und Seele Elsässerin, hat ihr Studium der Politikwissenschaften in Straßburg abgeschlossen. Sie hat dort einen Masterstudiengang in Europapolitik und deutsch-französischer Zusammenarbeit absolviert, in dessen Rahmen sie auch Kurse in Freiburg besucht hat. Derzeit ist sie Geschäftsführerin der Kunstgalerie Carré d’Artistes in Straßburg. Jeanne berichtet und liefert hier Eindrücke über ihren Werdegang.

Beschreiben Sie uns bitte Ihren Werdegang!

Jeanne Tarabella: Nachdem ich einen Bachelorabschluss in Geschichte an der Universität Paris-Sorbonne absolviert hatte und aufgrund der Berufsaussichten nicht fortsetzen wollte - obwohl ich mich eigentlich für das Fach sehr interessiere - habe ich mich auf eine Fremdsprachenassistentenstelle in Deutschland beworben. Ich hatte zuvor nur 14 Monate lang Deutsch gelernt und bin wirklich ins kalte Wasser geworfen worden – zunächst in Chemnitz, dann in Stuttgart.

Es war für mich nach dieser Erfahrung als Fremdsprachenassistentin wichtig, den Kontakt zu Deutschland aufrecht zu erhalten. Als ich nach Frankreich zurückkam, habe ich zuerst ein Studienjahr am « Institut des Hautes Etudes Européennes (Strasbourg) » absolviert, das den Ruf genießt eine Art « Vorzimmer » des Instituts für Politikwissenschaften (Sciences Po) zu sein, und so habe ich mich dort anschließend für ein zweites Masterstudienjahr in Europapolitik und deutsch-französischer Zusammenarbeit beworben. Ich bin auf diesen Studiengang zufällig gestoßen, bei der Diskussion mit einer Freundin und habe ihn aufgrund des Bezugs zu Deutschland ausgewählt. Es war ein hochinteressantes Studienjahr!

Im Rahmen des Studiums gibt es ein drei- bis sechsmonatiges Praktikum. Da ich mich sehr für Kultur interessiere, habe ich mich bei „Media“ beworben, der Außenstelle für Medien und Kino der Stadt Straßburg. In diesem Rahmen habe ich Filmtreffen von Produzenten und Regisseuren aus dem Rheingebiet und darüber hinaus organisiert: Deutschland, Österreich, Schweiz, Belgien und der französischsprachige Teil Kanadas, die sich auf deutsch-französisches Kino und europäische Co-Produktionen spezialisieren. Die Tatsache, dass ich Deutsch spreche und das Land kenne, hat für mich gesprochen; der Masterstudiengang hat mir die entsprechenden europapolitischen Kenntnisse gebracht, insbesondere im Bereich der Projektausschreibungen.

Im Anschluss an mein Studium habe ich die Stelle der Geschäftsführerin einer Straßburger Kunstgalerie gefunden. Auch dort spreche ich viel Deutsch, und ich hoffe künftig für oder in Deutschland arbeiten zu können, möchte aber eine enge Beziehung zu Frankreich behalten.

Meine Kommilitonen, die den selben Studiengang absolviert haben, sind inzwischen beim Eurodistrict Strasbourg-Ortenau, in Berlin, oder auch in Karlsruhe beschäftigt.

Wie ist die Mobilität innerhalb des Masterstudiengangs abgelaufen?

Jeanne Tarabella: Die Eucor-Mobilität ist in diesem Masterstudiengang obligatorisch. Anfang des Studienjahres legt man uns eine Liste mit Lehrveranstaltung an der Universität Freiburg vor, wobei die Teilnehmerzahl pro Kurs für die Franzosen auf 5 Studierende begrenzt ist, damit ein besseres Eintauchen in die Kultur gewährleistet ist. Es besteht die Möglichkeit zwischen einer Lehrveranstaltung, die über mehrere Wochen läuft und einem Blockseminar zu wählen. Zunächst habe ich mich für die erste Variante entschlossen, aber meine Entscheidung schnell revidiert: dadurch verlor ich einen halben Tag pro Woche; dazu kam, dass der Stundenplan am Politikinstitut sich wöchentlich ändert und auf diese Mobilität keine Rücksicht nimmt. Man sollte daher einen richtigen „Eucor-Tag“ in die Wochenplanung einbauen, das wäre für uns einfacher.

Schließlich habe ich mich für einen einwöchigen Kurs zu der Evaluation der Gesundheitspolitik in Deutschland entschieden. Ein kompliziertes Thema und mir zitterten die Knie, als ich ein Referat auf Deutsch halten musste, obwohl meine Deutschkenntnisse eigentlich gut sind. Der Kursleiter war aber sehr verständnisvoll. So war dieses Kursformat genau richtig, lange Arbeitstage, aber es war sehr bereichernd zusammen zu arbeiten, zu essen, Pausen zu machen!

Auf praktischer Ebene war alles perfekt organisiert. Die Verwaltungsformalitäten finden per Mail statt; ich habe den Studierendenausweis für den Zugang zur Mensa bekommen und unsere Fahrtkosten wurden uns erstattet, nachdem wir unsere Anwesenheitsformulare ausgefüllt hatten, allerdings hat dies ein paar Monate gedauert …

Die Eucor-Lehrveranstaltung selbst, die ich in Freiburg besucht habe, hat mir nicht so viel gebracht, aber die Interkulturalität ist wesentlich: wir sind in erster Linie Europäer und dann Franzosen, oder fast; es ist wichtig mit unseren deutschen Nachbarn und Kollegen interagieren zu können!

Zwischen den deutschen und französischen Lehrenden bestehen übrigens große Unterschiede. Das hatte ich schon bei meiner Tätigkeit als Fremdsprachenassistentin festgestellt: die Beziehungen zum Lehrer sind lockerer, man duzt sie häufig und hat weniger Hemmungen, Ihnen zu widersprechen. Allerdings bleibt der Schriftverkehr mit ihnen erstaunlicherweise sehr formell…

Dies findet sich auch an der Universität wieder. In Frankreich sind die Lehrenden fast Heilige!

Interessant ist auch, dass in Freiburg die Lehrenden am Ende der Kurse benotet werden.

Was kann man zusammenfassend sagen?

Selbst wenn man die Studierenden zunächst nur schwer zur Mobilität bringen und sie dafür begeistern kann, ist diese, wenn man erst einmal vor Ort ist, ein wahres Plus. Man muss so etwas machen! Wir Masterstudierenden hatten zwar alle einen Bezug zu Deutschland und setzten uns auch schon vor Beginn des Masterstudiums mit der deutschen Kultur auseinander, aber man muss unbedingt nach Deutschland gehen! Die Studierenden sind begierig auf Unterricht und auf Kurse an anderen Universitäten.

Wenn es dieses Eucor-Modul nicht gegeben hätte, wäre ich nicht ans Institut für Politik in Straßburg gegangen!

Wo?

Frankreich