Denken kennt keine Grenzen: Studierende aus Freiburg und Strasbourg in gemeinsamen Philosophie-Seminaren

Erfahrungen
Journée d’études im Palais Universitaire der Universität Straßburg (Credits: Matthias Flatscher)

Studierende und Lehrende der Philosophischen Seminare Freiburg und Strasbourg haben sich zu zwei gemeinsamen Blockseminaren zum Thema „An den Grenzen der Anerkennung. Phänomenologie und Kritische Theorie“ getroffen. An einem Termin hat auch Axel Honneth teilgenommen. Dr. David Espinet vom Philosophischen Seminar der Universität Freiburg hat die gemeinsamen Seminare in Zusammenarbeit mit seinen Straßburger Kollegen Prof. Dr. Franck Fischbach und Prof. Dr. Jacob Rogozinski organisiert.

Welcher Mehrwert ergibt sich, wenn sich Studierende aus zwei verschiedenen Ländern zu einem Philosophie-Seminar treffen?
Dr. David Espinet
: Die Studierenden bekommen einen Einblick in andere didaktische Gepflogenheiten, die sich insbesondere zwischen Frankreich und Deutschland sehr unterscheiden. Darüber hinaus bringt die linguistische Situation (Arbeitssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch) eine produktive Herausforderung mit sich: Studierende lernen, auch in einer komplexeren Sprachsituation sich auszutauschen und zu artikulieren. Selbst die Erfahrung partieller Unverständlichkeit, die sich für den einen oder die andere ergeben kann, hat ihren Mehrwert: es gibt immer wieder Studierende, die mir nach Eucor-Seminaren mitteilen, dass sie an der Verbesserung ihrer Fremdsprachenkompetenz nun intensiver arbeiten möchten. Meine Einschätzung ist zudem, dass sich Freiburger und Straßburger Studierende durch das Eucor-Format überhaupt erst kennen lernen, wohingegen Kontakte zwischen den Universitäten auf studentischer Ebene sonst kaum stattfinden.

Haben Sie besondere Unterschiede in der Herangehensweise an philosophische Fragen ausmachen können?
Die didaktischen Fachgepflogenheiten unterscheiden sich deutlich zwischen den beiden Ländern/Universitäten. Während meine französischen Kollegen stärker auf Frontalunterricht setzen, gehe ich interaktiver vor. Aber auch im französischen Kontext finden Diskussionen statt, in welchen ich keine prinzipiell divergierende Herangehensweise ausmachen kann, sondern eher individuelle Unterschiede. Die einen verfahren historischer (Darstellung bestimmter Konzepte innerhalb eines spezifischen Theoriekontextes; das Ego bei Husserl oder Sartre), die anderen sachorientierter (was meint man, wenn man "Ich" sagt). Ich würde sagen, dass mit Einschränkung meine französischen. Kollegen eher nach dem ersten Modell verfahren  und ich nach dem zweiten – wenn auch jeweils nicht ausschließlich. Die Vermittlung tragender Konzepte kann nur im Wechselspiel zwischen der Rekonstruktion eminenter Theorieangebote und sachlicher Reflexion der konzeptualisierten Inhalte gelingen, so dass man sich in der Regel - zumindest in dem Fall meiner Zusammenarbeit - irgendwo in der Mitte trifft.

Während des Seminars hatten Sie einen sehr bekannten deutschen Philosophen und Soziologen zu Gast: Axel Honneth. Ist er auch in Frankreich eine prägende Figur?
Axel Honneth, der am 8. Februar direkt von einer dreitägigen Pariser Tagung zu seinem Werk und Denken kam, wird auch in Frankreich fleißig rezipiert und als einer der weltweit führenden Sozialphilosophen wahrgenommen.

Wie hat er die deutsch-französische Zusammenarbeit empfunden?
Herr Honneth hat nach eigenem Bekunden große Freude an der Veranstaltung gehabt. Auch die grenzüberschreitende Konzeption hat ihm gut gefallen.

Wie stehen Sie zu der Idee eines European Campus?
Ich halte das Projekt für die beste Idee seit Gründung der Universität Freiburg sowie der anderen beteiligten Universitäten am Oberrhein.

Haben diese zwei Seminare Ihre Erwartungen erfüllt?
Im Wesentlichen ja. Je nach Zusammensetzung der Studierenden gelingt der sprachliche Austausch mal besser, mal schlechter. Ich habe viele gute Rückmeldungen von den Studierenden erhalten, so dass ich denke, man kann an dem Konzept weiterarbeiten. Für die Zukunft wünsche ich mir einen  transnationalen Studiengang Philosophie, vor allem im Masterbereich. Hier könnte man eine gewisse Sprachkompetenz als Zulassungsbedingung voraussetzen, wie es beispielsweise bereits beim Masterstudiengang Europhilosophie an anderen Orten der Fall ist. Mir scheint, damit ließen sich viele überdurchschnittliche Studierende an den European Campus binden und das volle Potential des Eucor-Formats ausspielen. Gute Erfahrungen habe ich auch damit gemacht, dass man die gemeinsamen Blockseminare, die über einen ganzen Tag gehen, im Vorfeld jeweils getrennt in Einzelsitzungen mit der üblichen Seminarlänge à 90 Minuten vorbereitet, so dass man beim ersten Treffen schon warmgespielt ist und es gleich richtig losgehen kann.

Glauben Sie, dass diese Erfahrung erneuert werden sollte?
Ja, sehr. Ich mache das schon seit 2013 jedes Jahr einmal.

Wann?

Montag, 22. Februar 2016 - 10:15