Ein Patentrezept

Laurent Séminel / Mathias Richard
Laurent Séminel / Mathias Richard

2010 hat die Unesco das „gastronomische Mahl der Franzosen“ in die Liste des immateriellen Welterbes der Menschheit aufgenommen. Wenn diese Entscheidung aus der Küche sozusagen eine Kunst macht, kann dann die Ausdrucksform des Rezepts als ein literarisches Werk betrachtet werden? Dank der Unterstützung von Eucor haben sich etwa zwanzig Studierende und Doktoranden aus Straßburg und Basel im Rahmen eines Intensivseminars mit dieser Frage auf zwei nacheinander an den Partneruniversitäten stattfindenden Workshops beschäftigt. 

Die Workshops boten die Gelegenheit das Aufkommen der „gastronomischen Literatur“ ab 1800 zu studieren. Sie boten Gelegenheit zu verstehen, wieso Alexandre Dumas beschuldigt wurde, wie ein Koch zu dichten, festzustellen, wie die Satire Rezeptbeispiele zu ironischen Zwecken nutzen konnte, oder auch die futuristischen kulinarischen Rezepte von Marinetti oder die Schreibprotokolle von Oulipo zu analysieren. Die Arbeitssitzungen haben den Teilnehmern und Teilnehmerinnen darüber hinaus ermöglicht, über die Beziehungen, welche die „hohen“ und „niederen“ Kulturen, Presse und gedruckte Bücher, Regeln und Avantgarde, Programm und Umsetzung, das Burleske und die körperliche Vorstellungswelt etc. vereint, nachzudenken; und dies aus einer Perspektive, die Literaturtheorie, Gesellschaftsgeschichte, Soziologie und Mediologie mischt.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde der universitäre Diskurs mit den Praktiken und Ansichten zeitgenössischer Autoren konfrontiert. Beim Workshop in Straßburg haben sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen beispielsweise mit Laurent Séminel, dem Direktor von Menu Fretin, einem Verlagshaus „für den gelehrten Gastonomen“ ausgetauscht. Dieser hat unter anderem erklärt, wie die Einrichtung des copyright die Herausgeber von Kochbüchern dazu gezwungen hat, die Zutaten, die Mengenverhältnisse oder die Ausgestaltung berühmter Rezepte zu ändern. In Basel hat der Dichter und Performance-Künstler Mathias Richard, von dem ein Teil seiner Kreation sich aus der Nutzung von Verfahren ergibt, die er „Maschinen“ nennt, gezeigt, wie diese sich selbst auferlegten Rezepte dazu dienen können, Stereotypen zu überwinden, indem man sich den Diskurstypen der Masse verwehrt, aber auch seine eigenen „Konstruktionen“ durchbricht.

Dieses Programm hat französische und schweizerische, aber auch deutsche, italienische, chinesische und iranische Studierende zusammengeführt und unter anderem ermöglicht, Brücken zwischen den Forschungsprogrammen, die von den beiden Verantwortlichen an den beteiligten Universitäten durchgeführt werden, zu bauen. Hugues Marschal leitet in Basel ein Projekt über den didaktischen Dichter Jacques Delille, das vom Schweizer Nationalfonds unterstützt wird, und Bertrand Marquer leitet in Straßburg ein Projekt über die „Literatur des Magens“ im 19. Jahrhundert, das vom „Institut universitaire de France“ gefördert wird.

Wann?

Donnerstag, 14. Dezember 2017 - 14:45