Wie gehen Führungskräfte mit Situationen um, in denen sie sich zwischen Sachzwängen und moralischen Problemen befinden? Dieser Frage gehen Lehrende und Studierende der Wirtschaftswissenschaften, Theologie und Caritaswissenschaften an den Universitäten Basel, Freiburg und Strasbourg nach – und verwandeln sich dafür in stille Schatten.

Der Skandal bei Oxfam, die Veruntreuung von Spendengeldern bei Unicef – derartige Nachrichten aus dem Non-Profit-Sektor erschrecken, denn gerade in gemeinnützigen Organisationen sind ethische Grundsätze von größter Bedeutung. „Es ist extrem wichtig, Studierenden Theorien und philosophische Denkansätze an die Hand zu geben, bevor sie in die Praxis kommen – sie zu schulen, damit sie später mit ethischen Problemsituationen umgehen können“, findet Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Jörg Lindenmeier von der Professur für Public und Non-Profit Management an der Universität Freiburg. Zusammen mit dem Theologen Prof. Dr. Klaus Baumann, Direktor des Arbeitsbereichs Caritaswissenschaft und Christliche Sozialarbeit an der Albert-Ludwigs-Universität, und der Caritaswissenschaftlerin Karin Jors gibt er ein Seminar, das theoretisches Wissen durch Praxiserfahrung fundieren soll. In Basel ist Prof. Dr. Georg von Schnurbein, in Strasbourg Prof. Dr. Marc Feix beteiligt. Studierende der Wirtschaftswissenschaft, Theologie und der Caritaswissenschaft lernen, wie sie als Führungskraft mit einer Situation zwischen Sachzwängen und moralischen Problemen umgehen können. Für das aufwendige Lehrkonzept bekamen die drei Dozenten den mit 70.000 Euro dotierten Instructional Development Award, mit dessen Hilfe sie zusätzlich zu den Präsenzveranstaltungen ein E-Learning-Angebot entwickeln konnten. Weiterer Bestandteil des Seminars ist das so genannte Shadowing, bei dem die Studierenden Führungskräfte „beschatten“, also in ihrem Alltag begleiten.

Erhellender Perspektivenwechsel
„Für uns ist es interessant, ein Lehrformat zu entwickeln, das im Verbund Eucor versucht, verschiedene Universitäten und zwei Disziplinen miteinander zu verknüpfen“, sagt Baumann. Zum Seminar tragen die Theologie in Freiburg und Strasbourg sowie die Wirtschaftswissenschaft in Freiburg und Basel bei. Die Seminarsprache ist primär Englisch, aber die Dozenten setzen passive Sprachkenntnisse in Französisch und Deutsch voraus. In Freiburg arbeiten Caritas- und Wirtschaftswissenschaft schon länger zusammen. „Die Perspektivwechsel sind gut, um einen anderen Blick auf ein Thema zu bekommen“, findet Lindenmeier. „Es ist sehr erhellend, was Menschen mit anderen kulturellen und persönlichen Hintergründen oder aus einem anderen Fach über ein ethisches Dilemma denken.“ Führungstheorien sind für beide Bereiche wichtig. Die Caritaswissenschaft beschäftigt sich mit der freien Wohlfahrtspflege, zum Beispiel in der Behindertenhilfe. Dazu gehören auch Fragen der Leitungsverantwortung, erklärt Baumann: „Wie kann man zum Beispiel die Gesundheitsökonomie so gestalten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht – und nicht das ökonomische Interesse?“ Die Wirtschaftswissenschaft hingegen ermögliche es, über Management-Ansätze, aufbauend auf betriebswirtschaftlichen Modellen, Entscheidungen zu treffen. Das Seminar bringe beide Perspektiven zusammen. „Solche Begegnungen sind bereichernd: individuell, kulturell sowie disziplinär-wissenschaftlich“, so Baumann.

Studierende als Schatten
Zwischen den Präsenzterminen vertiefen die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer Themen wie ethische Philosophie oder Konfliktbewältigung mithilfe von E-Learning-Modulen. Dabei können sie sich auf die Bereiche konzentrieren, in denen sie individuell Bedarf haben. „Wer Themen aus dem eigenen Fach schon kennt, kann diese Inhalte schneller bearbeiten“, erklärt Jors, die die E-Learning-Module entwickelt: „Wir möchten unter den Studierenden eine gemeinsame Basis schaffen. Das E-Learning bietet ihnen eine hohe Flexibilität, und sie können Eigenverantwortung für ihren Lernprozess übernehmen.“
Vor allem soll das Seminar Führungsaufgaben tatsächlich erfahrbar machen. Zum Seminarkonzept gehört daher der Kontakt mit Führungskräften, die bereit sind, sich von einzelnen Studierenden im sogenannten Shadowing begleiten zu lassen, das Jors tutoriell betreut. Nach dem ersten Präsenztermin in Freiburg geht es darum, einen echten Fall aus der Praxis aufzuarbeiten. Die Studierenden entwickeln die Idee dazu gemeinsam mit der Führungskraft und suchen dafür in deren Umfeld nach ethischen Herausforderungen. „Wahrscheinlich betrifft das häufig die Personalpolitik oder die Dienstleistungsplanung“, vermutet Jors, etwa wenn die Führungskraft aus Effizienzgesichtspunkten Personalstellen abbauen soll. Vorgesehen ist, dass die jeweiligen Führungskräfte eine oder einen der Studierenden an drei Tagen zu ihrer täglichen Arbeit mitnehmen, zum Beispiel zu Sitzungen oder zu einer Mitgliederversammlung, und in Gesprächen von Erfahrungen berichten, die sie mit ethisch-moralischen Situationen gemacht haben. „In der Praxis selber sind die Studierenden ‚stille Schatten‘. Aber es gibt Nachgänge zu dem, was sie erlebt haben“, sagt Baumann. „Dabei können sie fragen, reflektieren und Dinge für den eigenen Lernprozess festhalten, um die Ergebnisse wieder in unsere gemeinsamen Tage einzuspeisen.“
Die im Shadowing identifizierten ethischen Problemsituationen arbeiten die Studierenden dann bei ihrem zweiten Präsenztermin in Strasbourg auf. In einem Rollenspiel simulieren sie eine Gremiensitzung, in der sie ihre Fälle als Tagesordnungspunkte in rotierenden Rollen diskutieren – mal als Sitzungsleiterin, mal als Personalvertreter oder Geldgeberin. Anschließend treffen sie per Abstimmung eine Entscheidung, die sie in einem Protokoll dokumentieren – „ganz so, wie normale Gremienarbeit abläuft. Auch das ist ein Bestandteil der Führung einer Organisation“, stellt Lindenmeier heraus.

Sensibilität für gute Führung
Als Prüfungsleistung erarbeiten die Teilnehmenden einen Business-Case zu ihrem Fall: Sie skizzieren ein ethisches Problem zwischen ökonomischen Sachzwängen und moralischen Normen. Anhand der ethischen Theorien, die sie kennengelernt haben, sollen sie diese Situation einschätzen und darauf aufbauend eine Entscheidung treffen und rechtfertigen. Bei der Abschlussveranstaltung, die in Basel geplant ist, stellen sie die Ergebnisse vor. Die Shadowing-Partner sind dazu eingeladen. „Die Führungskräfte finden das Projekt spannend und sind sehr motiviert“, so Jors. „Sie freuen sich, durch den Kontakt zu Studierenden über ihren eigenen Alltag zu reflektieren.“ Auch die Dozenten sind gespannt, wie sich das Seminar entwickelt. „Wir freuen uns, damit ein Stück Neuland zu betreten“, sagt Baumann. „Wenn unsere Studenten schon in ihrem Studium eine Sensibilität für gute Führung entwickeln – durch Reflexion, durch die Diskussion, durch das Kennenlernen anderer Betriebskulturen –, dann haben wir eine Menge erreicht.“

Sarah Schwarzkopf