Sprachen erleben, Europa bewegen – ein Rückblick
Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des EVTZ Eucor – The European Campus, fand vom 17. bis 22. Mai 2026 in Straßburg eine einwöchige Sprach- und Kulturbegegnung statt, die 30 Student*innen und Doktorand*innen aus verschiedenen Disziplinen der Universitäten Basel, Freiburg, Mulhouse und Straßburg sowie des Karlsruher Instituts für Technologie zusammenführte. Die Woche stand ganz im Zeichen Europas und bot den Teilnehmenden ein vielfältiges Programm aus Intensivsprachkursen in Französisch als Fremdsprache und Deutsch als Fremdsprache, kulturellen Aktivitäten, Besichtigungen europäischer Institutionen sowie interkulturellen Begegnungen, die Europa und seine Werte auf unmittelbare und anschauliche Weise greifbar machten. Die Begegnung hat eindrucksvoll gezeigt, wie nahbar, menschlich und verbunden Europa sein kann und wie Vielfalt in Einheit gelebt werden kann.
Kulturelle Vielfalt im europäischen und internationalen Begegnungsraum
Die Vormittage waren den parallel stattfindenden Sprachkursen in Deutsch und Französisch gewidmet, die von Louise Bonnin, Gilles Buscot, Maxim Görke und Isabelle Schaller, Dozent*innen am Institut für Germanistik der Universität Straßburg, geleitet wurden. Jede Kurseinheit setzte einen anderen thematischen Schwerpunkt und verband sprachliches Lernen mit kulturellen, gesellschaftlichen und kreativen Zugängen. Im Mittelpunkt standen Theater und kreatives Schreiben, Film und Musik sowie landeskundliche Aspekte.
Den Auftakt bildete ein Theaterworkshop, der den Teilnehmenden die Möglichkeit bot, sich kennenzulernen und als Gruppe zusammenzuwachsen. Spielerische Übungen, Improvisationen und kleine Szenen förderten kreatives Sprachhandeln, stärkten Vertrauen und Zusammenhalt und eröffneten einen lebendigen Zugang zur Fremdsprache. Auch die weiteren Themen wurden auf vielfältige Weise praktisch erarbeitet. Im FLE-Kurs erhielten die Studierenden anhand der französischen Serie Parlement Einblicke in den Alltag des Europäischen Parlaments und übten mithilfe von Serienausschnitten das Synchronsprechen. Darüber hinaus setzten sie sich mit der Rezeption französischsprachiger Musik in Deutschland auseinander, insbesondere mit Liedern von Georges Moustaki und Georges Brassens. Auch der Eurovision Song Contest wurde zum Gegenstand der Auseinandersetzung: Im Mittelpunkt standen französischsprachige Siegertitel, aus denen die Teilnehmenden ihre persönlichen Favoriten wählten – wobei Céline Dion und France Gall besonders viele Stimmen erhielten. Im DaF-Kurs setzten sich die Teilnehmenden anhand einer Szene aus Asterix und die Goten mit der Bedeutung territorialer Grenzen auseinander. Daran anknüpfend diskutierten sie nationale Stereotype in Comics und hinterfragten diese kritisch. Zudem reflektierten sie das Thema Alltagsrassismus auf Grundlage des Kurzfilms Schwarzfahrer.
Den Abschluss der Kurswoche bildete eine gemeinsame Projektarbeit beider Kursgruppen. Ausgehend von der ARTE-Sendung Karambolage entwickelten die Teilnehmenden kurze Video-, Podcast- und Theaterbeiträge, in denen sie kulturelle Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten ihrer Herkunftsländer auf humorvolle Weise darstellten. Die Projekte zeichneten sich durch einen besonderen kulturellen Reichtum aus: Mit zwölf vertretenen Nationalitäten – darunter Belarus, Syrien, Pakistan, Indien, Italien, China, Slowenien, Spanien, Deutschland, Frankreich, die Schweiz und die USA – wurde kulturelle Vielfalt unmittelbar erfahrbar und der interkulturelle Austausch facettenreich gestaltet. Louise Bonnin zieht ein sehr positives Fazit der Kurswoche: „Diese Woche war eine sehr schöne Erfahrung: Die Studierenden waren interessiert, motiviert und neugierig, es war eine Freude, mit ihnen zu arbeiten. Die Veranstaltung hat es ermöglicht, Brücken zwischen den verschiedenen Universitäten des Eucor-Netzwerks zu schlagen.“
Auf den Spuren Europas in Straßburg
Am ersten Veranstaltungsnachmittag lernten die Teilnehmenden die kulturelle Einrichtung Lieu d’Europe – als Ort der Information, Begegnung und Vermittlung rund um Europa – kennen und vertieften beim EuroQuiz auf unterhaltsame und fundierte Weise ihr Wissen über die Geschichte Europas und ihre enge Verbindung zu Straßburg. Im Anschluss fand der erste gemeinsame Nachmittag bei einer Bootsfahrt auf der Ill durch die Petite France, die Neustadt und das Europaviertel seinen stimmungsvollen Ausklang. Vorbei an den Gebäuden des deutsch-französischen Kultursenders ARTE und des Europäischen Parlaments erhielten die Teilnehmenden eindrucksvolle Einblicke in die europäische Bedeutung Straßburgs, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Zeichen der Versöhnung zum Sitz zentraler europäischer Institutionen wurde. Ein Sprachcafé mit anschließendem Spieleabend bot zudem die Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen, sprachliche Kenntnisse anzuwenden und sich in entspannter Atmosphäre besser kennenzulernen.
Am zweiten Nachmittag erhielten die Teilnehmenden eine Führung durch den Plenarsaal der Parlamentarischen Versammlung des Europarats und nahmen an einer Konferenz zum Neuen Demokratischen Pakt für Europa teil, der die Stärkung demokratischer Werte angesichts aktueller Herausforderungen wie Desinformation, Autoritarismus, demokratischem Rückschritt und Künstlicher Intelligenz in den Mittelpunkt stellt. Bei einer Schnitzeljagd in deutsch-französischen Gruppen durch das Europaviertel entdeckten die Teilnehmenden anschließend die drei bedeutendsten europäischen Institutionen Straßburgs – den Europarat, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und das Europäische Parlament – und setzten sich dabei besonders mit der Architektur der Gebäude auseinander, die deren Bedeutung und Arbeitsweise widerspiegelt.
Die Exkursion, die mir am besten gefallen hat, war die zum Europarat, wo wir uns mit einer Abgeordneten getroffen haben und dann in einem der Plenarsäle auch noch eine kleine Diskussion führen konnten.
Kai Ritter – Karlsruher Institut für Technologie
Gianfranco Rosi und Pietro Bartolo – mit anschließender Diskussionsrunde, die von den Straβburger Eucor-Doktorandenbotschaftern Frédy Abadassi und Arman Martirosyan moderiert wurde, setzten sich die Teilnehmenden mit den humanitären und gesellschaftlichen Herausforderungen der Migration auseinander.
Literatur im europäischen Dialog
Der dritte Nachmittag widmete sich der Literatur. In Kooperation mit dem Institut für Germanistik nahmen die Student:innen und Doktorand:innen an einem Literaturworkshop zum Thema „Jenseits der Grenzen: Über den Anderen schreiben. Französisch-deutschsprachige Dialoge und Schreibweisen Europas“ teil, der von Aurélie Le Née und Isabelle Schaller geleitet wurde. In kulturell gemischten Gruppen reflektierten sie anhand ausgewählter Textauszüge aus Werken von Heinrich Heine, Stefan Zweig, Robert Menasse, Anne Weber, Emine Sevgi Özdamar, Simone Veil, Tomi Ungerer und Georges-Arthur Goldschmidt über die literarische Darstellung des Anderen, über Sichtweisen auf Europa sowie über die europäische Idee und Fragen europäischer Identität in und durch Sprache.
Europäische Verteidigungskooperationen in der Praxis
Am vorletzten Nachmittag stand ein ganz aktuelles Thema im Mittelpunkt: die Sicherheits- und Verteidigungslage in Europa. Eine Gruppe besuchte das multinationale Hauptquartier des Eurocorps, dem die Rahmennationen Deutschland, Frankreich, Belgien, Spanien, Luxemburg und Polen angehören, die andere den Sitz der Deutsch-Französischen Brigade. Im Zentrum standen Geschichte, Auftrag und Arbeitsweise der beiden Einrichtungen sowie ihre Bedeutung im Kontext sich verändernder geopolitischer Rahmenbedingungen. Die Teilnehmenden erhielten darüber hinaus Einblicke in die Abteilung für Übersetzen und Dolmetschen des Eurocorps, die für die mehrsprachige Zusammenarbeit innerhalb der multinationalen Struktur von zentraler Bedeutung ist.
Ich habe mich immer besonders Teil eines europäischen Austauschs gefühlt, wenn wir ganz selbstverständlich zwischen Deutsch und Französisch und manchmal auch Englisch hin und her gesprungen sind.
Elke Neumann – Universität Freiburg
Sprachen und Kulturen erleben, Europa bewegen
Der letzte Nachmittag bot Gelegenheit für einen gemeinsamen Rückblick auf die Woche sowie für eine persönliche Einschätzung darüber, was jede und jeder Einzelne aus der Begegnung mitnimmt. Isabelle Schaller, Organisatorin der Begegnungswoche, betont: „Die Sprach- und Kulturbegegnung in Straßburg hat eindrucksvoll gezeigt, wie vielfältig und bereichernd der direkte Austausch zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen sein kann. Die Verbindung von Sprache, Kultur und Wissenschaft ließ Europa im gemeinsamen Erleben greifbar werden. Die Woche setzte nachhaltige Impulse für den akademischen Austausch und machte den Wert europäischer Verständigung im Alltag deutlich.“
Von: Isabelle Schaller